Zonierungen

In der FAZ war von einem interessanten fotografischen Projekt zu lesen. Das den Alltag betraf. Die Trennungen im Alltag. Zwischen Nutzung und Nichtnutzung. Zwischen erlaubt und nicht erlaubt. Das Projekt dokumentierte die Raucherzonen. An Bahnhöfen, Gebäuden, öffentlichen Flächen. Also Zonen. Zonierungen zwischen sanktionierten Handlungen, Verhaltensweisen und nicht sanktionierten Handlungen, Verhaltensweisen. Die zonierten Flächen neigen zur Monofunktionalität. Also es ist nur eine bestimmte Aktion, Interaktion erlaubt. Nicht zonierte Flächen sind dann Flächen der Negativität. Was in der Zone erlaubt ist, ist auf den umliegenden Restflächen nicht erlaubt. Flächen, Räume neigen aus sich heraus eher zur Dysfunktionalität. Also dass nicht eine feste Handlung auf ihnen möglich ist. Zonierungen mit vorgegebenen Handlungsweisen erinnern an das Prinzip des Fordismus. Das lange in der Industrie das vorherrschende Prinzip der Arbeitsteilung war. Also permanente Wiederholung einer Tätigkeit, eines Handgriffes. Also ein bestimmtes Teil in das Auto einzubauen. Und kein anderes. Das ein anderer einsetzt. Im dysfunktionalen Alltag wird eine Fläche, ein Raum mehrfach und unterschiedlich benutzt. Oft in anderen Zeiten. 


Ein sehr altes Merkmal eindeutiger Raumbestimmung findet sich an der St. Petri Kirche. Ein in die Außenwand eingelassener eiserner Krampen zeigt an, dass hier Menschen mit metallener Halskrause angekettet wurden, die den Gottesdienst versäumten, in der Gemeinde als mißliebig eingestuft wurden. Meistens zurzeit des Gottesdienstes. Auf den Kirchwegen und -pfaden kamen die Menschen, Gläubigen aus dem Kirchspiel zur Kirche und fanden zur Abschreckung die angeketteten Menschen. Die von den Frommen wohl angespuckt, angepöbelt wurden. Dieser Prangerraum, den die Krampe nur noch versteckt andeutet, ist mit dem alten Friedhof, mit der Kirche und ihren inneren Zonierungen wie die Kanzel - dem Priester vorbehalten -, empor ragenden Kirchstühlen - dem Ortsadel vorbehalten -, einer der ältesten erhaltenen Zonen mit eindeutiger Nutzung im Ortsbild Westerstedes.

 

 

 

 

Pranger an der Kirchenaußenwand. Nur noch zwei - von den meisten übersehene - Eisenkrampen zeigen ihn an. Ketten und Halseisen fehlen. An der Kirche in Remels sind sie noch vorhanden. Siehe: http://www.pagus-ameri.de/OstFriesland/Remels Zwei Eisenkrampen deuten ein frühe, frühere Zonierung der strengen Kirchenzucht an. Sie berichten auch vom gesellschaftlichen Abstieg des Prangers zum Fahrradstand.



Raucheraquarium aka Raucherguckkasten der Telekom. Hier werden die Raucher der Telekombeschäftigten in der hinterhöfigen Öffentlichkeit ausgestellt. Fast voll verglaster Raum mit eindeutiger Zonierung und Funktionsweise. Gebot und Verbot in einem Kasten.


Zaghaft, aber eindeutig zeigt ein Schild beim Kreishaus an, dass diese Fläche für die Poststelle reserviert ist. Wer und wo auch immer diese ist. Die Post in Westerstede ist ja öfters unangekündigt nicht besetzt. Schön, dass hier der Poststelle unabhängig von Zeit, Wetter und anderen Fährnissen eine eindeutige Fläche zugewiesen wird. Es mangelt allerdings etwas an der eindeutigen Abgrenzung in der Breite, wie sie ansonsten solche monofunktionalen Flächen als Begrenzung aufweisen


Schülerpferch - Raum der Disziplinierung und verordneter Einsteigeverrichtung

 

Bushaltestelle ohne Sitzbank, dafür mit umrandetem Aufenthalts- und gestalterisch verstärktem Einstiegebereich.


Hier parken nur Motorräder unterschiedlicher Breite


Der diskret verborgene Charme einer Raucherecke


Ein äußerst kleines Schildchen inmitten einer Grünfläche. Das Schild erlaubt das Parken auf der öffentlichen Grünfläche nicht. Der Verweis auf die öffentliche Grünfläche zeigt auch darauf, dass diese Grünfläche nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, sondern für Institutionen, die im Namen der Öffentlichkeit hier walten. Also Ämter für Grünflächen, Hausmeister, Gärtner usw. Öffentliches Grün ungleich Freiraum der von den Menschen genutzt werden kann. Solange öffentliches Grün mit Rasenflächen oder kunstvoll begärtnerten Flächen gleich gesetzt wird, ist so ein Schild mit Hinweis auf öffentliches Grün auch immer mit dem Subtext verbunden, benutzen verboten, im Alltag aneignen unmöglich.