Rhodo 2014

   

 

 

 

Subjektivste Betrachtungen des Ganzen

 

Der Rasen des ehemaligen Friedhofes um die St. Petri Kirche wird auf exakt abgesteckten Stücken abgeräumt. Die Überlegung kommt schnell, warum das geschieht. Historische Vorbilder für so einem derartig exakten Abbau kennt man persönlich nicht. Ob der Rasen nicht mehr genug christlich war und deshalb weg mußte? Derartige Ergebnisse der eigenen Überlegungen tauchen auf. Satirische. Oder vielleicht auch nur nicht mehr protestantisch genug? Allerdings kennt man aus der Pflanzensoziologie bzw. Vegetationskunde keine derartigen Befunde der Wiesen- und Rasengesellschaften. Ein Professor gab während des Studiums als bedenkenswerten Nutzwert mit, dass man anhand der vegetationskundlichen Kartierung eines Fussbaldfeldes sehen kann, ob die Außenstürmer intensiv oder gar nicht eingesetzt würden. Das war allerdings weit vor den Zeiten des heutigen Pressings und der blitzartigen Sekundenkonter. Also daraus kann wohl die Absteckung von genauen Feldern auf dem Friedhof und dem Abräumen des Rasens nicht stammen. Da müssen andere Begründungen her. Dann werden auch noch dicke Balken auf den Friedhof gewuchtet. So langsam kommen die Gedanken in die richtige Bahn. Hatte man denn nicht in Fotoaufnahmen Bilder gesehen von den Westersteder Rhodofesttagen, bei denen nicht nur der Marktplatz vor und hinter dem Rathaus mit Rhododendron zugepflanzt worden war, sondern auch der Friedhof? Das muss es sein. Der Friedhof, der alte, wird zur Dekorationsfläche, zur Demonstrationsfläche des Rhodo 2014. Friedhofsruhe, Grabesruhe kann da keine Rolle spielen, wenn der, die, das Rhodo kommt. 2014.  Zwar erst Mitte Mai, aber Ende April gehts schon los. In einer größeren Zeitung gab es mal einen Artikel mit dem Fazit, dass man die Rhodo einfach gesehen haben muss. Die Spannung steigt wie es noch weitergeht und was noch alles so abgeräumt wird.  Wie in der Hofberichtserstattung zu lesen war, war die frühere Rhodo-Methode, den Rasen abzutragen, aufzurollen, zu bewässern und wieder einzubringen zu aufwendig. Nun wird abgeräumt, wenn auch vorher abgemessen, und dann wieder eingesät. Der Friedhof als Leerraumbehälter, der beliebig abräumbar ist, und neu anordenbar ist. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wird der Gang zum Westersteder alten Marktplatz nun wie ein Gang zum Schreckenskabinett des Rhodos? Nein? Noch nicht? Zwar stehen nun überall die Vorboten des Ereignisses und es wird drumherum gezimmert. Mitten auf dem Markplatz. Auf dem Friedhof. Es geht dennoch irgendwie gemütlich zu. Deshalb wohl auch die lange Vorbereitungsphase. Der Fortschritt kommt langsam daher. Im Stadtraum werden Pflanzensäcke mit Hinweis auf den Rhodo-Event aufgestellt. Mehr oder weniger geschickt bzw. ungeschickt könnte man einwenden. Manche stehen direkt neben üppig blühenden Pflanzen. Gehen unter mit ihrer Botschaft. Andere stehen vereinzelt herum. Kümmerlich wirkend. Mit den Augen einer ältlichen Oma, die sich erneut auf die Rhodo freut, mag das alles ganz anders aussehen. Wenn etwas schön gemacht wird. Zum Anschauen, Zuschauen, Hinschauen zugerichtet wird. Ist die Rhodo auch aneigenbar? Also mehr als reines Hinsehen, Bewundern und Schönfinden? Die Rhodo rückt näher, Fragen bleiben. Was bleibt von einer Rhodo? Gibt es eine Alltagstauglichkeit, nützt die Rhodo auf längere Sicht, bringt sie Verbesserungen der Alltagswelt? Gärtnerisch beschnittene, gestutzte bzw. hoch gezogene pflanzliche Artefakte werden indessen heran gekarrt und auf dem Friedhof abgeladen, hingestellt. Manche aufwändig befestigt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Befestigungsanlagen

 

 

 

 

 

Der Rhodo blüht dieses Jahr fast zu früh. Für die Rhodo. Ab ins Kühlhaus. Trotz des Themas Rhodo werden immer mehr Pflanzen aufgestellt, die nicht zum Thema passen. Dafür wird das Maiwetter schlechter, feuchter, kälter. Die Pflanzenerde/torfhaufen immer größer. Auch der neue Marktplatz wird einbezogen mit Zeltaufbauten, Pagoden. Irgendwie gigantisch. Der alte Marktplatz verschwindet immer mehr unter dem Neudesign des Rhodos. Die bisherige Marktplatzbegrünung nach Christoart verhüllt. Das Rathaus für den Publikumsverkehr geschlossen. Der Rest des Marktplatzes degradiert zum Materiallager. Die Zugänglichkeit des Marktplatzes nimmt ab. Die Käuflichkeit des Marktplatzzuganges steht bevor. Was ist die Rhodo? Der reine Schaucharakter wird immer deutlicher. Gleichzeitig auch das Aussperrungspotential der zusammengestellten Pflanzenensembles, die den Menschen draußen vor lassen und nur auf sich selbst verweisen. Schaut uns an, wie schön wir sind. Wie schön wir für dich gemacht und gestaltet wurden. Der Platz gehört nun ganz den Pflanzenarchitekten. Das Panoptikum Rhodo steht kurz bevor.   

 

 

 

 

Pflanzenwürfel warten auf ihren Einsatz in der Gebirgslandschaft

 

 

Wolkensimulationen auf niedriger Flughöhe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rhodo im Endspurt. Die Pflanzen sind teilweise so weit gekühlt, dass sie nun zur gleichen Zeit zur Rhodo blühen. Die Natur und ihre Rhythmen werden quasi außer Kraft gesetzt. Die Absperrungen im Inneren Westerstedes nehmen zu. Die Radfahrtouristen steigern ihre Orientierungslosigkeit. Es gibt kein Rein mehr. Es gibt allerdings auch kein Entkommen mehr. Die Rhodo ist da. Fast da. Sie liegt in den letzten Zügen. Ihrer Vorbereitung. Die Rhodo-Entente übernimmt die Macht in Westerstede. Auf dem Marktplatz, dem alten, dem neuen, auf dem Friedhof, dem alten. In der Hofberichtserstattung, der alten. 

 

 

Wo Rhodo ist, muss auch ein Albert Post ... Schild weichen

 

 

 

 

Sperrzone Rhodo

 

 

 

 

 

Große Halle - weniger Rhodo

 

 

 

 

Westersteder Maireigen

 

 

 

Simulation einer Gebirgslandschaft auf Rhodo-Art

 

 

 

 

 

Da lang

 

Das Wetter wird wieder besser. Der Himmel blauer. Welcher Erkundungsgrundsatz gilt für die Rhodo? Kirchen von außen, Wirtschaften von innen, Berge von unten. Die Rhodo von ... ? Gilt auch der weitere, wenn auch fast immer falsche Grundsatz "Hast du eine gesehen, hast du alle gesehen?" Das Gewerkel an der Rhodo wird nun hektisch. Noch viel Unfertiges. Die Transportautos drängeln. Die zentrale Idee dieser Rhodo. Die Simulation einer Gebirgslandschaft auf dem Marktplatz. Jetzt versteht man, warum sehr verhunzelte ärmlichste Magerbäumchen herumstehen. Wie Strichmännchen geformt. Wohl von knapp an der Baumgrenze stammend. Bergkristalle glitzern. Ist das der ganze Glanz der Rhodo?

 

 

 

Simulation auf dem Friedhof

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Markplatz als öffentlicher Raum der Bevölkerung ist nun geschlossen. Bürgerliche Partizipation? Nur gegen Löhnen. 9 Euro. Täglich. Oder Dauerkarte. Passbild erforderlich.  

 

 

 

 

Wir müssen draußen bleiben

 

 

 

Wir müssen auch draußen bleiben

 

 

 

 

Wir müssen erst recht draußen bleiben

 

 

 

 

Rhodo Kontrollpunkt

 

 

 

Rhodo Kontrollpunkt

 

 

 

 

Kein Eisgenuß ohne Rhodoeintrittskarte

 

 

Der verborgene Charme der Rhodo

 

 

Der konkrete Kram der Rhodo

 

 

 

 

 

 

 

 Das Ende des Rhododendron 

 

 

Fast wäre 1945 das Ende des Rhododendron, der Baumschulen im Ammerland eingetreten. Der Befehl der Militärregierung lautete Rhododendron und andere baumschulistige Kunstpflanzen raus und ordentlich nahrhaftes, eßbares Gemüse auf den Flächen anbauen. Satter Magen statt kontemplativen Anschauens. Der Rhododendron, besonders spezielle Sorten, flüchteten darauf in Wälder, auf schwer zugehbare Flächen und war damit für die Nachneuzüchtung verfügbar. Ende 1946 wurde diese Anordung der Militärregierung aufgehoben. Seither ist der Rhododendron in einigen Wäldern beheimatet. Wenn er auch wieder auf angestammte Flächen zurückkehrte und später die Baumschulisten ein nahezu totales Raumregime über manche Gemarkungsflächen, z. B. Gießelhorst, errichteten. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Das Raumregime des Rhododendron nach 1945 

 

 

Baumschulen, Pflanzenzüchter haben heutzutage einen großen Teil des Ammerlandes einem geometrisch geordneten Raumregime unterworfen und andere Nutzungen verdrängt. Das war nicht immer so. Ein paar Pioniere wie Gerhard Dietrich Böhlje und Dietrich Hobbie waren die ersten, die sich der Pflanzenzucht widmeten. Durch den Druck des landwirtschaftlichen Strukturwandels, mit Hof- und Bodenflächenaufgabe, vermehrten sich die Baumschulen im Ammerland in den 1960er und 1970er Jahren rasant. Das gemäßigte Klima, die Bodenverhältnisse begünstigten die neue Herrschaft der Baumschulisten über das Ammerland. Neben dem Rhododendron gab es die Aufzucht von Azaleen, Koniferen, Bäumen (Laub- und Nadelholz). Das Geschäftsfeld wurde auf immer mehr Sorten verbreitert. Auf ortstypische Arten wurden immer weniger geachtet. Immer mehr Flächen wurden umgewandelt vom Acker, von der Weide, von der Wiese, von der Heide in die Baumschulwirtschaftslandschaft. Die Gewächshäuser, die Hallen wurden immer größer.

 

Waren die Heimatkundler bisher so stolz auf ihre ammerländer Heimat, auf die typische ammerländer Landwirtschaft, auf die die Wege, Grenzen, Dämme begleitenden Baumreihen so wurde der Einzug der Baumschulwirtschaft eindeutig begrüßt. Hermann Ries, ein Ästhet der ammerischen Landschaftsschau, schreibt: "Die Rhododendron-Kulturen, wie überhaupt die zahlreichen Baumschulen und Gärtnereien, bilden in der Gemeinde Westerstede einen ganz bedeutenden Wirtschaftsfaktor, einen Faktor zudem, der nicht zur Umwelt-Verschmutzung, sondern im Gegenteil wesentlich zur Umwelt-Verschönerung beiträgt." (Hermann Ries, Chronik der Gemeinde Westerstede, 1973, Seite 391). Sicher hatte Ries als Bild den Rhododendron-Waldpark in Petersfeld, den Maxwaldlandschaftspark vor Auge und nicht die heutige flächenartige Vernutzung des Bodens mit Folien, Bodenplatten, Bodenverdichtung, die äußerst massive Verdrängung jeglicher standortgerechter Begleitflora und der Fauna. Wie hieraus eine Umwelt-Verschönerung entstehen soll, in einer ehemals bäuerlich bestimmten Landwirtschaft, die vielgliedrig gestaltet war mit Ackerflächen, Wiese, Weiden, Baumreihen auf Dämmen, Wassergräben, nicht intensiv genutzten Bruchwäldern, Heide und Moore, mit Kirchwegen und begleitenden Kleinlandschaften, bleibt unbedacht, bleibt offen, ungeklärt. Die typisch Ammerländer Landschaft, von der Tourismusindustrie als Parklandschaft vermarktet, wird mit absoluter Sicherheit nicht schöner durch die heutige intensive Baumschulenlandschaft, die monoton isolierte Einzelpflanzen massivst hinter- und nebeneinander aufreiht.

 

Helmut Harms sah den ästhetischen Wandel vom ammerländer Bauernland zum baumschulistischen Land kritischer: "Bislang für den Fruchtanbau oder die Viehhaltung genutzte Flächen wandelten sich, - als Böden mit überwiegend hohem Humusgehalt dafür geeignet - zu Baumschulquartieren. Eine jahrhundertalte ammerländische Kulturlandschaft hat sich damit stellenweise zu einem mehr künstlich gearteten Landschaftsgarten entwickelt, was bei manchem Naturfreund gemischte Gefühle wecken mag. Niemand könnte allerdings behaupten, daß ökologischer Wert dem ökonomischen Prinzip geopfert wurde." (Helmut Harms, Werk und Wandel auf festem Grund, 1999, Seite 71/73) Ob das heute nochmal so geschrieben würde? Baumschulen sind ein wesentlicher ökologischer Eingriff in die Landschaft. Schließlich wird eine bäuerlich genutzte Landschaft mit vielfacher Begleitflora und -fauna durch die Baumschulwirtschaft mit hoher Bodenversiegelung, Anpflanzung standortfremder Vegetation, mit isolierender Vertopfung von Pflanzen, mit gezielter Nichtung von störender Begleitvegetation grundsätzlich substituiert. Ein im Grunde genommen totaler ökologischer Großeingriff. Einige Rhododendron Parks können über diese Entwicklung nicht hinwegtäuschen. Die kapitalintensive Inwertsetzung von ammerischen Boden schreitet voran. Und das 'ökonomische Prinzip' erfordert immer wieder Produktionsanpassungen und -ausweitungen: "Die Umstellung auf Containerware in den vergangenen Jahren ermöglicht den Verkauf und Versand der Pflanzen fast ganzjährig. Nur so ist ein am Markt orientierter Absatz großer Mengen gleichwertiger Ware möglich ist." (Westerloy. Chronik unserer alten Bauerschaft, 1994, Seite 128.) Viele der Baumschulen, Gartenbaubetriebe haben sich aus bäuerlichen Betrieben entwickelt. Sie haben sich aber inzwischen größmöglichst von diesen in der Produktionsweise und Landschaftsbildgestaltung entfernt.