Orte VI

 Gießelhorster Kirchweg Herbst 2014 

 

Ein Kirchweg gehört zum Gesicht der ammerländer Landschaft. Über viele Jahrhunderte. Er verband Kirche und Dorf. Hier im Westersteder Kirchspiel. Das aus der zentralen Kirche in Westerstede und vielen dazugehörigen Dörfern und Kleingemeinden bestand. Leider bestehen nur noch wenige dieser Kirchwege, die dem fußläufigen Verkehr diente. Kirchwege waren auch Gemeinschaftswege. Die Gemeinden waren für die Pflege zuständig. Damit diese auch fußläufig blieben und nicht im tiefgründigen Ammerländer Morast untergingen. Und die Funktion des Kirchweges verhinderten. Der Kirchgang auf dem Kirchweg wurde in Gemeinschaft abgehalten. Er stiftete auch neue Familienbünde. Neue Liebschaften. Der Kirchweg war also auch ein gesellschaftliches Ereignis für die Dorfbewohner. Er diente auch zum Einkauf. Da neben dem Kirchgang auch Einkaufen in den Westersteder Läden - auch schon am Sonntag - anstand. Die Geschäfte wurde extra für die Kirchgänger geöffnet, die oft auch mehrere Stunden unterwegs waren.

 

Der Gießelhorster Kirchweg ist heute ein Freizeitweg. Er wird ausgiebig von der Westersteder Bevölkerung per Rad und Fuss genutzt. Ebenso von Radtouristen. Sportlern wie Joggern. Der Kirchweg übt immer noch eine große ästhetische Wirkung auf die Menschen aus, die auf ihm spazieren gehen oder radfahren. Auf der Strecke läßt sich eine erstaunliche Vielfalt von Landschaftsbildern erfahren, erleben. Allerdings ist der Kirchweg auch Restriktionen unterworfen. Er verliert kurz vor Gießelhorst immer mehr seinen Zusammenhang mit dem traditionellen Gesicht der ammerländer Landschaft und wird zu einer Restkleinlandschaft auf geometrisch geordneten Gartenbauflächen. Ackerbau, Grünlandnutzung treten in Richtung Gießelhorst immer mehr zurück. Landwirte gibt es keine mehr in Gießelhorst. Der Druck auf die Fläche durch den forcierten Gartenbau nimmt immer mehr zu und transformiert eine typisch bäuerliche Landschaft in eine Nachfolgenutzung. Der Kirchweg versammelt noch Reste des traditionellen ammerländer Landschaftsbildes mit Wegbänken, Gräben, Dämmen, feuchten Bereichen. Allerdings wird der Kirchweg immer mehr zur isolierten Randzone. Von Westersteder Seite aus übt der Wohnungsbau starken Druck auf die lineare biotopische Struktur des Kirchweges aus, da die Wohnbebauung immer mehr gen Gießelhorst vorrückt. Und auch hier das tradionelle Landschaftsbild verändert sich zur eher eintönigen patinafreien Bebauungsplansiedlungslandschaft neu erbauter Familienhäuser und relativ normiertem Grün und Gartenfreizeitnutzung. Die haben zwar für die Bewohner einen hohen Lebens- und Freizeitstandard, sind aber gesichtslos und zeichnen sich mit fehlender Geschichte aus, da noch jung an Jahren. Auch hier geht wesentlich der Charakter des Ammerländer Gesichtes verloren.

 

Der Kirchweg selbst hat trotz seiner jahrhunderte alten Existenz und natürlichen Formgestaltung wenig historisches zu bieten. Leider keine Steine wie z. B. einen Gemarkungsstein entlang der Wegführung. Außer einigen Markierungssteinen, noch aufgestellt im Namen der Bundespost, die wohl ein Telefonkabel der Telekom begleiten. Der Kirchweg führt an der ehemaligen Lage von Fischteichen vorbei. Über einen Trampelpfad gibt es noch eine Verbindung zum Brook, einem wunderschönen Bruchwald, der aufgrund seiner versteckten Lage und geringsten Wegeinfrastruktur kaum aufgesucht wird.