Kirchturmbau zu Westerstede

Als man sich nach dem Zuzug nach Westerstede 2010 so langsam im Ort umblickte, die Quartiere, die Infrastruktur, die Wohngebiete, die Besonderheiten erkundete, erniedrigte einem im Katholisch Geborenen der bescheidene Zustand der katholischen Kirche. Genauer spezifiziert der Anblick des nicht vorhandenen Glockenturmes. Die Kirche hatte zwar eine Glocke. Die aber wirkte wie ein Glöckchen an der Seite der Kirche angehängt. Das Aufrechte, das in den Himmel emporragende eines Kirchenturmes fehlte dem sakralen Ensemble. Völlig. Statt eines Glockenschlages der in die Gemeinde vorhallt, reichte das Glockengebimmel auf niedrigenster Ebene höchstens für ein Vorplatzgebimmel. Wurde ansonsten der Glockenschlag auch von der außerhalb in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung als zeitliche Orientierung für Arbeit und Vesper genommen, glaubte ich hier zuerst die Gebäudlichkeiten irgendeiner Sekte wahrgenommen zu haben. Bei genauerem Hinblick entdeckte man das Feine des Kirchenschiffes. Erst in den 1950ern errichtet, ohne deren architektonischen Einheitsschliff zu erlangen. Rundungen, halbgerundete Oberlichtfenster, Kreisfenster, Stützpfosten an der Außenwand heben das Gebäude aus dem Alltagsgrau der 1950er Fassadengestaltung heraus. Nur zu einem Kirchturm hat es nicht gereicht. Fehlte es an Geld in die Höhe zu streben? Duldete man nicht, dass die katholischen Emporkömmlinge in evangelisch majorisierter Diaspora in die Höhe gingen? Fragen an die Geschichte. Nun hat die katholische Kirche die fehlende Höhe der Gemeinde nachgeholt und der Kirche einen Kirchturm vorangestellt. Keinen banalen. Trotz aller Modernität. Einen gelungenen. Ansehlichen. Überraschend guten. Die katholische Gemeinde gibt auch Auskunft über den Bau des Turmes. Über seinen gewünschten Klangschatten in Westerstede hinein. Irritierend, dass der Architekt seinen Entwurf für die Katholische Kirche St. Johannes der Täufer betitelt. Die Katholische Kirche in Westerstede nennt sich aber Herz-Jesu, um an das durchbohrte Herz des Gekreuzigten zu gemahnen. St. Johannes der Täufer und seine Kirche finden sich in Augustfehn. Vielleicht ein produktives Mißverständnis, das diese erste katholische Turmgeburt in Westerstede so gelingen ließ? Da sie auf ein weit Ferneres im architektonischen Planungswillen verwies?