Die disperse Kleinstadt Westerstede

 

 

 

 

 

Westerstede entzieht sich einem kurzen oberflächlichen Blick. Damit ist das Wesen dieser Kleinstadt schwerer zu fassen als zum Beispiel bei einer klassisch süddeutschen Kleinstadt. Westerstede ist auch schon von der historischen Entwicklung her ein Musterspiel für die heutige disperse Entwicklung einer Kleinstadt. Sie entwickelt sich von den Rändern her. Das Zentrum Westerstedes war auch siedlungsgenetisch her immer schwach entwickelt. Es reichte nicht zur einer Stadterhebung - bis in die 1970er Jahre. Dennoch hatte Westerstede für den Amtsbezirk zentrale Bedeutung. Auch heute noch übt Westerstede mit Landratsamt, Finanzamt, Polizei, Wasseracht, Krankenhäusern, Einkaufen, Schulen, Gesundheitsamt, Amtsgericht, Katasteramt usw. zentrale Funktionen aus. Westerstede hat sich nach 1800 von einem Dorf mit Kirchspiel und einigen Amtsfunktionen zur Kleinstadt entwickelt. Quasi eine nachholende Kleinstadtisierung. Auch der Wiederaufbauplan von Negeleins, obwohl generell für eine stärkere Gewerbeansiedlung ausgezeichnet, hat dennoch ein aufgelockertes Dorfbild, Häuser mit großem Gartenbereich, als Vorbild. Obwohl das Gewerbe in der Folge stark zunahm, trat im Innern Westerstedes dennoch kaum eine verdichtete Urbanisierung des Stadtbildes ein. Ältere Stadtkernbilder zeigen immer noch eher eine dörfliche Hauslandschaft. Fatal ist aus heutiger Sicht, dass gerade Häuser aus der Gründerzeit in Westerstede so schnell wieder abgerissen wurden.

 

Der innere Kern Westerstedes zeigt sich fast ent-kernt. Die urbane Verdichtung, die den Kern ausmacht, fehlt. Westerstede praktiziert nahezu Kulissenschieberei. Hinter den wenigen städtischen Kulissen befinden sich große Freiflächen: Parkplätze, Parks, ZOB. Die Zentralität Westerstedes ist am Rande zu finden. Z. B. an der Ammerlandallee mit Landratsamt, Finanzamt. Am Esch mit Famila und Aldi. An den Einkaufszentren in der Kuhlenstraße/Lange Straße. Der Bereich des CityCenters Meinardusstrasse ist zwar am Stadtkern dicht dran. Dominant ist aber aber auch hier die Zugänglichkeit per Auto.

 

Das geschichtliche Erbe Westerstedes hat eine etwas anrüchigen Dominanz von Bauten aus der NS-Zeit. Der Bereich des heutigen Krankenhausareals und des Hössensportbereiches war als sogenannte SA-Berufsschule eine großräumige Inszenierung des NS-Geistes. Das schlug sich in der Architektur der Gebäude nieder. Allerdings sind heute diese nur noch teilweise vorhanden. Auch der “Wasserturm” auf den Thalenwiesen entstammt aus dieser Zeit. Das Rathaus von 1927 ist fast ein Vorbote dieses Architekturstils.

 

Kolja Mensings Buch über die Kleinstadt Westerstede, über seine Jugendzeit in Westerstede, das die 80er und 90er Jahre beschreibt, ist nahezu einmalig für Deutschland. Die Kleinstadt ist als Thema aus dem wissenschaftlichen Fokus geraten. Es gibt viel zu wenig Beachtung für dieses kleinstädtische Leben in der (Post)Moderne, in der westdeutschen Prosperität.

 

 

 

Kreuzung Wilhelm-Geiler-Straße

 

 

 

 

 

 

 

Der Verlust der Kleinstadtmitte

 

Die Raumordnung der BRD war vom Konzept der Zentralen Orte dominiert. Mit einer geplanten Stärkung des innerstädtischen Zentrums. Inzwischen hat sich die erwünschte ‘Zentralität’ immer mehr am Rande der Kleinstadt eingenistet. Wie Westerstede, die Entwicklung dieser Kleinstadt, nach 1945 nahezu paradigmatisch zeigt. Die neuen Rand-Zentren sind allerdings immer weniger mit der Kleinstadtmitte verbunden. Wer eines der großen Einkaufszentren, das Landratsamt z. B. besucht, frequentiert damit nicht mehr den alten zentralen Kern, den Markt der Kleinstadt und unterhöhlt damit die ehemalige Bedeutung dieses Ortsbereiches. Einkaufen,  die im Einkaufszentrum integrierten Läden wie Bäcker, Metzger, Bekleidung, Buchladen abklappern, Bekannte im Einkaufszentrum treffen, Auto vollpacken und dann wieder ab nach Hause. Ohne die alte Stätte der kleinstädtischen Zentralität zu tangieren. Das ist inzwischen vielfach der Ablauf der Kleinstadtbesuche. Der Verlust der Bedeutung des Kleinstadtinnerns ist damit strukturell angelegt. Der Leerstand der Geschäfte im Kleinstadtinnern zeugt davon. Selten zeigt der Stadtkern noch seine ursprüngliche Bedeutung. Bei den Festen, Stadtfesten, Märkten, Rhodo, wenn auch nur alle vier Jahre. Insofern werden vom Stadtmarketing immer mehr Festkulturen für den kleinstädtischen Altstadtbereich konzipiert. Gourmettreffs, Theateraufführungen usw. Dennoch ist klar, die aufwendigen Festivals der Aktionskultur im Stadtinnern verbergen nur die immer größer werdende Öde im kleinstädtischen Alltag der Stadtmitte. Eine ‘echte’ Wiederbelebung der kleinstädtischen Mitte ist nicht in Sicht. Der schnelle Niedergang vieler neu eröffneter Ladengeschäfte in Westerstede ist ein weiteres Zeichen der strukturellen Minderung des alten Zentrums. Zu kleine Verkaufsflächen, die Schwierigkeit ein Interesse für das (neue) Warenangebot zu finden. In der kleinstädtischen Mitte dominieren längst Ladengeschäfte aus der Textil-/Modebranche. Aber auch hier sind viele Geschäftsaufgaben zu verzeichnen. Die Einkaufszentren, Aldi, Lidl usw. haben regelmäßige Angebote im Kleidungsbereich, die stark nachgefragt werden. Und damit langfristig die im Kleinstadtinnern versammelte Textilbranche bedrohen.

 

 

 

Die neue kleinstädtische Provinz - die Wohnlandschaft der Neubaugebiete

 

Der alte Innenbereich von Westerstede ist inzwischen von kräftig gewachsenen Neubaugebieten umschlossen. In diesen findet ein großer Teil des kleinstädtischen Lebens nach den Regeln der “harmonischen Wohnlandschaft” statt. Nahezu unsichtbar. Von der Wissenschaft kaum beachtet, wenig analysiert. Nicht umsonst sind die ersten Kapitel von Kolja Mensings *Westerstede*-Buch dieser recht neuen Wohnform gewidmet. Der auf den ersten Blick sich darbietende Siedlungsbrei sperrt sich zunächst gegen genauere Analysen des *Eigenheim*-Wohnens. Bei genauerem Hinsehen lassen sich soziale Unterschiede in der Anordnung der Gebäude, der Verfügbarkeit bzw. Nichtverfügbarkeit der Nutzflächen, der Pflege der Straßen, Freiflächen, Wege, bei der Gestaltung der Straßenränder erkennen. Mehrgeschossige Gebäude zeigen die Wohnareale niedrigerer Einkommensschichten an. Hier sind im Gegensatz zu den Einfamilienhauszonen die *Grünflächen* von den Bewohnern nicht benutzbar, nicht gestaltbar, nicht bepflanzbar, keine Gartennutzung möglich. Den Neubaugebieten - nach 1945 entstanden - fehlt noch die *Patina* längerer Nutzungen, die z. B. die Wohngebiete die sich nach 1900 punktuell entwickelt haben, bereits auszeichnen. In der Regel trifft die ästhetische Kritik auf diese Neubaugebiete, trifft allerdings nur den Schein, aber nicht den Kern dieses kleinstädtischen Erfolgsmodells nach dem 2. Weltkrieg.

 

 

 

Kunstblicke auf die Gesundheitsstadt Westerstede

 

Anfang 2012 gab es eine Ausstellung (eröffnet am 29.01.2012), die eine besondere Sichtweise auf Westerstede entfaltet. Titel: “Unser goldenes Rhodohospital”. Der aus Westerstede stammende Martin Miotk, nun in Berlin lebender Regisseur, Künstler, Kostüm- und Bühnenbildner, betrachtet kritisch seine Heimatstadt Westerstede. Als Kleinstadt mit dem Marketingnamen “Gesundheitsstadt” und als Zentrum des Rhododendron. In den ehemaligen Güterschuppen am alten Bahnhof ziehen Bettgestelle mit Bettbezügen ein. Als genereller Bezug zur Gesundheitsstadt. Eine Krankenhausstadt? Fotomontagen bilden sich auf den Bettüberzügen ab. Montierte Szenen aus Westerstede. Blicke auf die aktuellen Entwicklungen Westerstedes, auf die Entwicklungs- und Marketingstrategien. Auf Schattenseiten. Das alles ist verblüffend, ungewohnt. Kunst. Einen nicht alltäglichen Blick, eine ungewohnte, unbekannte Perspektive einzunehmen. Auch wenn die städtische Verwaltung dabei auf einigen Bezügen nicht besonders gut wegkommt. Schon oft haben Söhne einer Kleinstadt einen kritischen Blick auf den Ort ihrer Herkunft geworfen. Martin Miotk gelingt dabei eine neue Perspektive auf das Rhodohospital Westerstede.  

 

 

 

Buchladenstadt Westerstede

 

Westerstede hat sogar drei Buchläden. Für eine Kleinstadt ein erstaunliches (Über)Angebot, das sich neben der Direktlieferung durch Amazon noch hält. Ein Laden in der Innenstadt hat zudem eine größere Auswahl von Büchern. Dazu gibt es ein aufgegebenes Antiquariat, noch bestückt mit Büchern, deren Umschläge im Schaufenster einen Blaustich bekommen. Ein weiterer Laden, der neben vielem Allerlei ebenfalls alte Bücher antiquarisch anbot, ist einem Brand zum Opfer gefallen, jetzt wiedereröffnet. Die alteingesessene Buchhandlung und das gegenüberliegende Lesezeichen wurden von Kolja Mensing in “Wie komme ich hier raus?” in ihrer kulturellen Funktion für die Kleinstadt analysiert und damit ein literarisches Denkmal gesetzt. Es immer noch interessant, Westerstede mit Mensings Westerstede-Essays auf vorhandene Spuren abzusuchen. Die Stadtbibliothek, in einem ehemaligen jüdischen Haus, trägt mit Autorenlesungen, mehrfach mit Kolja Mensing, zur kulturellen Entwicklung Westerstedes bei. Der dritte Buchladen ist im Famila-Zentrum eingebunden. Einem der neuen, von der Stadtmitte aus eher *randständigen* Treffpunkte, neuen dispersen Marktplätze.

 

 

 

Heimspiel

 

Kolja Mensing liest in Westerstede. Nix wie hin. Zwei Karten reservieren. Nummer 1 und 2. Mmmh. Dabei hatte man Angst, keinen Platz mehr zu bekommen. Nun ist man vorne dabei. Neugierde macht sich breit. Hat Westerstede keine Lust auf einen Autor aus den eigenen Reihen? Kann doch nicht sein. Ist auch nicht so. Zu dritt auf dem Wege in die städtische Bibliothek. Die vorderen Reihen sind schon fest geschlossen. In einheimischer Hand. Der Autor steht noch am Eingang und hat ein Lächeln für einen übrig. Für die Unbekannten. Nicht-Einheimischen. Die Legenden der Väter. Sind auch Legenden der Mütter. Der Vater des Autors ist anwesend. Obwohl im Buch Objekt-Subjekt. Ein kleinstädtischer Mikrokosmos wird besucht, erläutert. Annäherung an diesen wird möglich. In Erwartung des Buches, bei Kenntnis des Mensingschen *Provinzaufwachsen*-Buches hatte man auf eine Fortsetzung in Westerstede gehofft, gedacht. Der Hinweis auf Polen hatte, da Westerstede zunächst *polnisch* besetzt wurde, dahin gedeutet. Doch daraus wurde Fürstenberg. Einer der ersten Befehle der das Ammerland besetzenden Exil-Polen-Soldaten war: Aushacken des Rhododendron, Anpflanzen von Kartoffeln. Da machte man es sich bei den Ammerländern Landschaftsbauern nicht beliebt. Der Rhododendron überlebte diesen Tagesbefehl. Teilweise in den Wälder. Beim Signierenwunsch zeigt sich der Nachteil des E-Books gegenüber der gebundenen Ausgabe.

 

 

 

Rüstzeug für eine Annäherung an Westerstede:

 

- Kolja Mensing. Wie komme ich hier raus? Aufwachsen in der Provinz
- Helmut Harms. Werk und Wandel auf festem Grund. Westerstede im 20. Jahrhundert
- Fritz Büsing. Westerstede - damals und heute
- Hermann Ries. Chronik der Gemeinde Westerstede
- Hermann Ries. 75 Jahre “Der Ammerländer”. 1861 - 1936.
- E. Buresch. Die schmalspurige Eisenbahn von Ocholt nach Westerstede (Herzogthum Oldenburg)
- Helmut Harms. Westerstede - wie es früher war.
- Fritz Büsing. Gemeinde Westerstede im Ammerland. Erster Bildband über die Gemeinde Westerstede
- Hiltrud u. Karl-Heinz Nassmacher. Kommunalpolitik in der Bundesrepublik. (mit Westerstede als Fallbeispiel)
- Heiner Otto. Westerstede - Gesichter einer Stadt
- Heiner Otto. Bilderbogen Westerstede.
- Helmut Harms. Vom Kreiskrankenhaus zur Ammerlandklinik. 50 Jahre Aufbauleistung für Leben und Gesundheit
- Helmut Harms. Hermann Ries. Ammerländer in der Zeitenwende.
- Max Fenger. Westerstede in alten Ansichten
- W. Blohm. Führer durch die Gemeinde Westerstede
- 200 Jahre Westersteder Markt 1785 - 1985
- Ev.-Luth. Kirchengemeinde Westerstede (Hrsg.). Werfet das Netz. Petri-Kirche zu Westerstede 1123-1973
- Ev.-Luth. Kirchengemeinde Westerstede (Hrsg.). Festschrift. St.-Petri-Kirche Westerstede. 1123-1998
- Helmut Kiausch. Immer mit dem Dackel um den Kirchturm herum.
- Uwe Möller. Die St. Petri - Kirche in Westerstede
- Uwe Möller. Die Kirchen der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Westerstede
- Europaschule-Gymnasium Westerstede (Hrsg.) 100 Jahre. Gymnasium Westerstede 1910 - 2010
- Rolf Hornig. Drei Frauen im 20. Jahrhundert. Eine biographische Trilogie aus Westerstede.
- Rolf Hornig. Loki. Aus Leben und Werk von Hans Sander.
- Olaf Seeger. Erfolg im Stadtmarketing ist machbar! Empirische Untersuchung von Erfolgsfaktoren in Westerstede
- Kurt Hartong u. Hermann Ries (Hrsg.). Das Ammerland. Ein Heimatbuch.
- Helmut Harms. Zeitreise zwischen Küste und Küstenkanal. 50 Jahre Friesland - Ammerland - Gesehen mit dem Kamera-Auge des Bildjournalisten
- Helmut Harms. Vom “Heil!” zum Unheil. Das Ammerland 1945/46. Chaos und Neuanfang
- Carl Baasen. Das Oldenburger Ammerland.
- Carl Baasen. Niedersächsische Siedlungskunde.
- Carl Baasen. Wald und Bauerntum.
- OBV Mansie-Lindern e.V. / Dorfgemeinschaft Fikensolt e.V. Spektakel 1457. 09. September 2012. Wissenwertes über 100 Jahre Friesendenkmal & 555 Jahre Schlacht bei Fikensolt und Mansingen.
- Fritz Büsing. Ammerland. Erinnerungen in Wort und Bild.
- Joachim und Traute Range. Vortragsvereinigung Westerstede. Ein Rückblick im Spiegel der Zeit. 1931 bis 1997.
- Arbeitskreis Westersteder Kulturtage. Westersteder Kulturtage 1991.
- Gymnasium Westerstede. Festschrift zum 50jährigen Bestehen. Höhere Bürgerschule Ammerland. Gymnasium Westerstede. 1934 - 1984.
- Werner Vahlenkamp. Die Geschichte der Westersteder Juden.
- Gerhard Eimers. Die Straßen und Wege in der Gemeinde und im Orte Westerstede.
- Dieter Zoller. 12 Jahrhunderte Siedlungsgeschichte des Ammerlandes
- Angelina Sobotta & Peter U. Berger. GMA Entwicklungskonzept im Auftrag der Stadt Westerstede
- Günther Heidemann. Heimatchronik des Kreises Ammerland
- Walter Hitz. Westerstede im Zeichen des Roten Kreuzes - Erlebtes im Lazarett ab Kriegsende 1945
- Jörg Güßefeldt. Zu einer operationalisierten Theorie des räumlichen Versorgungsverhaltens von Konsumenten. Empirisch überprüft in den Mittelbereichen Varel und Westerstede.
- Topographische Karte 1:25000. 2713 Westerstede
- Topographische Karte 1:50000. L2712 Westerstede
- Oldenburgische Vogteikarte um 1790. Blatt 2713 Westerstede