"Kein Kuhdorf"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bürgerlicher Protest gegen die Errichtung eines Kuhstalles, der 1000 Kühe einstallen soll. Im Rasteder Ortsteil Kleibrok. Von einem "Bauern" aus Wahnbek. Eine Bürgerinitiative gründet sich. Unter dem Slogan "Kuhdorf. Nein Danke!" Nun liegt aber die landwirtschaftliche Flächennutzung in Rastede, in den dazugehörenden Ortsteilen bei 70%. Weit über dem Durchschnitt der BRD. Ein deutliches Zeichen, dass die Landwirtschaft in Rastede eine bedeutende Rolle spielt. Ein hoher Anteil der landwirtschaftlich genutzten Flächen sind Weiden, bzw. Grünland als Futterareal für die Hoftiere, Kühe, Rinder. Rastede ist trotz einer Einwohnerzahl von 21.000 ohne Stadttitel, ist nur eine Gemeinde. Mit 26 Ortsteilen. Sämtlich dörflich geprägt.  

 

Im Bewußtsein der Einwohner, die direkt in Rastede wohnen, scheint diese Faktenlage nicht zu sein. Rastede lebt davon, dass die Oldenburger Grafen, später Großherzöge, in Rastede ihre Sommerresidenz unterhielten. Zur Jagd, zum Reiten. Das örtliche Marketing überhebt dies zum Status eines Residenzortes. Das färbt wohl auf das kleinstädtische Bewußtsein ab. Rasteder verstehen sich eher als Residenzler, denn als kleine Stadt im landwirtschaftlich genutzten, geprägten Grünen. Man verkehrt mit den Dörfler mit einem auf die Kleinbürger abgefärbten Adelsglanz. So wie früher der Hausmeister eines Gymnasiums einen Beschluss des Direktors verkündete: "Ich und der Direktor haben beschlossen". Der Residenztitel, die Aneignung dessen durch die Kleinbürger, überhebt die tatsächliche Lage.  

 

Im fürchterlichen Slogan der Bürgerinitiative "Residenzort Rastede - Kuhdorf. Nein Danke!" wird dieser Dünkel eingebracht und erhöht. Ausgeblendet wird, dass in Rastede auf größtmöglicher Fläche geweidet, Heu geerntet wird, Kühe in Ställen und auf Weiden vorhanden sind. Rastede ist zahlenfaktisch einem Kuhdorf nicht sehr fern. Die 26 Ortsteile bringen den Kuhdorfcharakter stetig im Gesamtverbund Rastede ein. Auch wenn der Kern von Rastede landwirtschaftsfrei ist. Die Zuspitzung "Residenzort Rastede - Kuhdorf. Nein Danke!" ist ein Fehlgriff der Bürgerinitiative, ein großes Manko. Da sollte man in der Bürgerinitiative mal drüber nachdenken.  

 

Wesentlich konkreter, korrekter sind die Forderungen "Massentierhaltung - Nein Danke". Hier wird richtig angesetzt. Denn das sind Stallgrößen, die jeglicher klein-bäuerlicher Stallwirtschaft entgegengesetzt ist. Und auch eine Gefahr, eine Bedrohung für die kleineren Bauernhöfe im Ammerland ist. Auf einer Versammlung der Bürgerinitiative fragte ein Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft, welcher der Anwesenden selbst Bauer sei. Keiner anwesend. Das schränkt klar ein, wer in der Bürgerinitiave aktiv ist bzw. Sympathisant der Aktion. Es sind die Anwohner der Siedlung entlang der Straße in Richtung Kleibrok. Die hier im Grünen wohnen.  

 

Auffällig ist, dass der Protest, der sich in einigen selbst gemachten Plakaten manifestiert, nur auf eine Straßenseite akkumuliert. In den einzeln stehenden Häusern. Auffällig auch, dass fast alle Grundstücke gegen die Straße wie mit einem Wall abgrenzen. Das kann man der Straßennutzung, dem Straßenverkehr zuschreiben. Wenn man aber auf die andere Straßenseite blickt, stehen dort die Blöcke der Mietswohnungen. Dort gibt es weder die wallartige Abgrenzung noch sind dort Plakate gegen die Massentierhaltung zu sehen. Aus der sozialen Verortung und den damit verbundenen Einkommensgrenzen läßt sich leicht schließen, dass dort die Bezieher von Milch aus Massentierhaltung wohnen, zumindest Einwohner, die bei Milch eher auf einen günstigen Preis achten. Die Semiotik dieser getrennten Lager in der Einwohnerschaft ist kennzeichnend. Woher der Protest kommt und wo er nicht herkommt.  

 

Folgt man der Straße in Richtung Kleibrok, die immer schmaler wird, und auch dann auf den Radweg verzichtet, wird der Protest gering. Eine mächtige Biogasanlage ist zusehen. Ein großes Gebäude, ein Pferdestall. Schon ist man am Geestrand. Jetzt gibt es nur noch Kuhdörfer, Weide, Grünland. Gegen die Massentierhaltung zu sein ist ok, aber man sollte doch sein Bewußtsein schärfen, in welcher ländlicher Umgebung man wohnt, wie bäuerlich diese ist. Man sollte eher den Zusammenhang Einwohner - bäuerliche Landwirtschaft stärken, auch durch eigene Aktion, statt einen Fehlgriff in ehemaligen residenten Adelsglanz zu tun. Der Bezug auf den Residenzort hilft da nicht weiter. Da hat man leider aufs falsche Pferd gesetzt. Auf das Pferd auf dem die Oldenburger Herrscher geritten sind. Und das im Rasteder Marketing fast zu Tode geritten wird.