Milchwirtschaft Ammerland 


Die Käseproduktionsstätte der Molkerei Ammerland eG in Wiefelstede-Dringenburg. Marke Der Ammerländer. Von außen kaum noch als Molkerei, als Käserei erkenntlich. In den letzten Jahren ist ein Hochregallager dazugekommen. Um Exportprodukte zu stapeln? Der Baustil weist eher auf postpostmoderne Modernisierungszeiten und Baustile hin. Das Bäuerliche am Ammerländer ist nicht in diesem Bild erkennbar. Da muss man schon zu den Käseprodukten, zur Milch greifen. Zu deren Verpackung und Marketing. Ein Leuchtturm mit grünen Streifen verstört einen zunächst. Da das Ammerland nicht die Küste tangiert. Die Wesermarsch wollte man wohl nicht namensgebend in die Großmolkerei einbringen. Bleibt also nur das Leuchtturmsymbol. Das wohl irgendwie die Marsch der Wesermarsch, also den Bereich der ehemaligen Molkerei Jaderberg symbolisieren soll. Viele Bauernhöfe im Ammerland haben dieses Markenzeichen an ihren Ställen als regionale Herkunftsbestätigung angebracht. Der industriell-moderne Baustil der Dringenburger Käserei steht allerdings noch im starken Gegensatz zur bäuerlichen Produktionsweise im Ammerland, in der Wesermarsch, wenn auch hier die Tendenz zu Massentierställen erkennbar ist.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Milch ist ein zentrales Thema im Ammerland. Die Milch, die Milchwirtschaft, die Kühe, die Stallungen, die Haltung der Kühe, das Grünland sind wesentlich entscheidend für die Gestaltung des Landschaftsbildes. Für die Ästhetik des Ammerlandes. Mit der Kultivierung von Moor und Heide hat das Ammerland nach 1800, besonders nach 1850 eine besondere Entwicklung der Milchwirtschaft genommen. Die Feldsiedlungen sind Siedlungen mit Bauernhöfen, die hauptsächlich Milch lieferten. Das Gulfhaus, die landwirtschaftlichen Nutzgebäude nach ostfriesischer Art dokumentieren diese rasante Entwicklung. Es gibt kaum eine deutsche Region, die eine vergleichbare Entwicklung genommen hätten. Vielfach herrschte eher Provinzialisierung, Hinterlandwerdung mit Stillstand in den ländlichen Regionen. Das Ammerland dagegen wuchs. An Fläche, an Einwohnerzahl, in der Milchproduktion.

 

In den 1890er Jahren gründeten sich die Molkereigenossenschaften. So 1894 die Westersteder. Hermann Ries gibt in der Westersteder Chronik den 19. März 1895 an. 51 Bauern aus Westerstede und 15 Ortschaften waren die Gründer. 1960 gab es in der Molkereigenossenschaft 1250 Mitglieder. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft mit Wachse oder Weiche reduzierte die Anzahl auf 400 im Jahre 1985.

 

Die Milchmenge stieg von 2,7 Millionen Kilogramm 1899, auf 9,3 Millionen 1913, auf 17 Millionen 1936, auf 28 Millionen 1972. Allerdings fiel in den beiden Weltkriegen die angelieferte Milchmenge radikal. 1986 wurde fast 50 Millionen kg Milch angeliefert. 

 

In den heimatkundlichen Darstellungen von Hermann Ries, Fritz Büsing und Helmut Harms wird die Westersteder Molkerei, Milchwirtschaft durchweg positiv, positivistisch dargestellt. Kritische Worte zur Entwicklung, zu Personen, wie immer Männer, fallen nicht. Tüchtige, fleißige, emsige Männer wirken hier, mit klugen Entscheidungen. Aber das ist das generelle Problem von Heimatkunde, wenn die Geschichte in Gegenwart übergeht. Die Stärke der Heimatkundler ist die Vergangenheit und nicht die Gegenwart, die zu nahe Vergangenheit.

 

Andererseits wird klar, dass die Molkerei Westerstede als selbständige einen hohen qualitativen Standard hatte:

 

„Genossenschaftsvorstände und Geschäftsführung betrieben eine fortlaufende Modernisierung der technischen Ausstattung, so dass die Molkerei stets mit hervorragenden Verarbeitungsergebnissen aufwarten konnte.“ (Helmut Harms, Werk und Wandel auf festem Grund. Westerstede im 20.Jahrhundert. 1999, Seite 73)

 

„An diesem Aufstieg hatten die jeweiligen Betriebsleiter und Geschäftsführer (seit 1941 sind Betriebsleitung und Geschäftsführung in einer Hand) nicht geringen Anteil.“ (Hermann Ries, Chronik der Gemeinde Westerstede,1973, Seite 379)

 

„Die technische Entwicklung der Molkereimaschinenindustrie ermöglichte eine ständige Verbesserung der Milchverarbeitung und eine wesentliche Erhöhung der Kapazitäten. Der Qualitätsstandard der Produkte wie Milch, Butter, Schnittkäse und Frischkäse konnte im Laufe der Jahre ständig verbessert werden.

 

Die maschinellen Anlagen wurden in den Jahre 1983 bis 1985 größtenteils erneuert.“ (Fritz Büsing, Westerstede – damals und heute, 1986, Seite 159)

 

Männer machten also auch in der Westersteder Milchwirtschaft Geschichte. Wie schwierig für Heimatkundler Extrapolationen in die Zukunft sind, zeigt folgendes Zitat von Fritz Büsing: „Vorstand und Aufsichtsrat, die auch heute noch ehrenamtlich tätig sind, garantieren den Fortbestand des Genossenschaftswesens. Der Förderungsauftrag der Mitglieder ist auch weiterhin das wesentliche Ziel des Unternehmens.“ (Seite 159) Dabei klopfte schon einige Jahre später die harte Hand der Schließung der Westersteder Produktionsstätte an die Westersteder Molkereitore. Der Zusammenschluß zur Ammerländer (und Wesermarscher) Milchproduktion mit einer zentralen Käse-Produktionsstätte in Wiefelstede-Dringenburg und Verarbeitung der Milch in Oldenburg stand bevor. Und veränderte bzw. beendete die nicht mal 100jährige Geschichte der lokalen Molkereien im Ammerland zugunsten einer einzigen Großmolkerei.

  

Im fotoreichen Buch von Büsing sieht man verschiedene Stadien, Baustadien, der Westersteder Molkerei in der Gaststraße. In einem Eisenbahnerforum war zu lesen, dass es ein Nebengleis zur Molkerei gab. Das wäre noch zu verifizieren.

 

Hergestellt wurden in Westerstede Butterkäse, Edamer, Krömer, Maurice und Tilsiter.

 

Zum 1. Januar 1989 fusionierten unter dem Namen "Milchwerke Ammerland - Oldenburg eG sechs genossenschaftliche Molkereien: Altjührden eG, Apen eG, Igemo-Milchwerke Oldenburg eG, Jade-Molkerei eG (Jaderberg mit Schweierzoll), Westerstede eG und Wiefelstede eG. Die Molkereien gingen auf die Jade-Molkerei über. Damit wollte man verhindern, dass die Bauern aus der Wesermarsch kündigten und zur Molkerei Botterbloom übergingen. In Apen wurde zunächst die notwendige Mehrheit nicht erreicht. Auf einer zweiten Versammlung wurde knapp für die Fusion gestimmt. Bei den restlichen Versammlungen gab es jeweils hohe Ergebnisse für die Fusion. Allerding zeigt eine nähere Betrachtung der Molkerei Jaderberg interessantes. Diese Molkerei hatte drei Bezirke. In zweien der Bezirke wurde nahezu einstimmig für die Fusion gestimmt. Im dritten aber stimmten 52 gegen und 47 gegen die Fusion. 

 

In Aussicht gestellt wurde für die Bauern ein höherer Milchauszahlungspreis. Die Fusionierung wurde vor allem von den jeweiligen Geschäftsführern der Molkereien betrieben. Ein nur wenige Seiten umfassendes Gutachten zur Fusionierung wurde nahezu als geheim behandelt. Es wurde bis zu den Generalversammlungen unter Verschluß gehalten und es wurden auch nur Teile zugänglich gemacht, d. h. vorgelesen. Die Genossen, die Bauern, konnten sich also nicht im vollen Umfang damit auseinandersetzen, was mit ihren Genossenschaftsanteilen geschah. Nur in Apen bekam ein Genossenschaftsmitglied schon vor der Versammlung, nach intensiven Forderungen Einsicht. Prompt wurde die notwendige 3/4 Mehrheit nicht erreicht, da Fragen und besonders Risiken für die Bauern offen blieben.  

 

Die Fusion der Ammerländer Molkereien folgte der damaligen Tendenz. Weg von der kleinen gewerblichen Milch- und Käseproduktion hin zur Massenproduktion im industriellen Ausmaß. Molkereien mit großen Milchmengen. Großproduktion. Export. Im Weser-Ems-Gebiet können nur ca. 20% der im Gebiet erzeugten Milchmenge/-produkte auch dort selbst abgesetzt werden. Auf der Abnehmerseite gab es ebenfalls eine Konzentration auf die Aldis, Lidls, die gerade im Milchbereich auf Niedrigpreise drängten. Allerdings stimmte das Argument eines höheren Auszahlungspreises in einer großen Molkerei nicht. Das hielt der Nachprüfung des Auszahlungspreises für 1986/87 nicht statt. Wobei kritisch bemerkt wurde, dass der Auszahlungspreis auch kein geeigneter Maßstab für die Leistungsfähigkeit einer Molkerei ist. 1987 lag der durchschnittliche Auszahlungspreis (anhand von 12 Molkereien im Weser-Ems Bereich errechnet) bei 3,7% Fett bei 67,021 Pfennig/kg, bei 4,1% Fett bei 69,512 Pfennig/kg.  

 

(Siehe Projektbericht Wesermarsch, Kapitel Fusionen von Molkereien am Beispiel der Milchwerke Ammerland, S. 74 ff, Gesamthochschule Kassel, FB Stadt- und Landschaftsplanung, 1988/89.)

 

Auf der Molkereiseite (www.molkerei-ammerland.de; http://www.molkerei-ammerland.de/downloadbereich/zahlen-daten-fakten/MOA-11007%20ZDF-Datenblaetter_GB.pdf; http://www.molkerei-ammerland.de/downloadbereich/geschaeftsberichte/geschaftsbericht-2011) wird der aktuelle Auszahlungspreis mit 36,52 Cent/kg Rohmilch angegeben (gegenüber 32,24 Cent im Jahr 2010), für 2011 eine Milchmenge von 1155,8 Millionen kg, 1982 Milchlieferanten (also Genossen), 330 Mitarbeiter, 584 Millionen Euro Umsatz. Der Anteil des Exportes liegt bei 43% 

 

Nimmt man den Umrechnungskurs Euro/DM 1 Euro = 1,95583 DM liegt also der Auszahlungspreis 2011 mit 36,52 Cent auf DM bzw Pfennig umgerechnet bei 71,4269 Pfennig/kg. Der Auszahlungspreis 2010 mit 32,24 Cent entspricht 63,0559 Pfennig/kg.

 

Vergleicht man die Auszahlungspreise von 1987 mit denen von 2010 bzw. 2011 verdeutlicht sich die Situation der Milcherzeuger, der Ammerländer Milcherzeuger. 2010 war der Auszahlungspreis unter das durchschnittliche Niveau von 1987 gefallen, 2011 lag es ca 2 Pfennig darüber.

 

Die durchschnittlichen Erzeugerkosten im Norden Deutschlands für 1 Kg Milch lagen 2012 dagegen bei 43,06 Cent. (Siehe: http://www.bauernstimme.de/unabhaengige-bauernstimme/aktuelle-ausgabe/details/browse/5/article/handfestes-fuer-milchpreisverhandlungen.html?tx_ttnews%5BbackPid%5D=43&cHash=8c82e734b297289c49ccbacea202d3f7) Politisches Ziel ist es aber weiterhin, die Produktionskosten für landwirtschaftliche Erzeugnisse zu senken, um auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig zu sein. Das führt zur Aufgabe kleinerer Bauernhöfe zugunsten von großen, die mit immer größeren Stallungen ihre Erzeugerkosten zu verringern suchen.

 

Laut einem Zeitungsartikel in der Nordwest-Zeitung vom 30.05.2014 wurden 2013 38,46 Cent/kg (inklusive Warenrückvergütung) ausbezahlt. Der Durchschnitt der Auszahlungspreise läge in Deutschland bei 37,5 Cent. Ursache wäre eine hohe weltweite Nachfrage nach Milchprodukten bei nur gering ausgeweitetem Angebot. (Rüdiger zu Klampen, "Ammerland"-Milchprodukte in 56 Staaten. Vertreterversammlung, 30.05.2014, Seite 25)

 

Bei Famila Westerstede kostete 1 Liter 1,5% fetthaltige Ammerländer "Unsere Milch" am 30.05.2014 1,05 Euro.

 

Für die Erhaltung der typischen, wunderschönen Ammerländer Landschaft, die ja durch die bäuerliche Landwirtschaft gepflegt und damit hergestellt wird - sofern sie nicht durch die baumschulistische Umwandlung aus der landwirtschaftlichen Nutzung entwidmet wurde -, ist also die Frage nach der Erhaltung der bäuerlichen Höfe, hier besonders der kleinen und mittleren, von besonderer Bedeutung:

a) Welche Erzeugerkosten für 1 Kg Milch haben kleine und mittlere bäuerliche Milchbetriebe im Ammerland?

b) Wie kann die Erhaltung kleiner und mittlerer Bauernhöfe im Ammerland gesichert werden?

c) Wie kann die Ammerländer Molkerei die Produktionsfähigkeit ihrer kleinerer und mittlerer Erzeugergenossen unterstützen?

d) Wie können Verbrauchermärkte (in der Region) durch gerechte Preise die Ammerländer Milchbauern unterstützten?

e) Sind die Ammerländer Milchverbraucher bereit höhere Preise für Milch zu bezahlen?

f) Ist die Ammerländer Politik bereit, ihre kleineren und mittleren Milchbauern zu stützten? 

 

Ziel sollte sein, eine gerechte Bezahlung der kleinen und mittleren Milchbauernbetriebe im Ammerland zu erreichen. D.h. Ausgleich der Erzeugerkosten und Ermöglichung eines "Gewinnes" durch entsprechenden Auszahlungspreis und entsprechenden Preis für den Verbraucher.